Street Credibility ®

Nein, dies ist nicht das was ich sprühen möchte!

 

I don’t have to be what you want me to be. Muhammad Ali

 

 

In den letzten zehn Jahren nehme ich vermehrt Menschen wahr, die sich vorrangig über Bücher gepusht als Street- oder Urban Artists positionieren und sehr viel für ihre Street Credibility (ein böses Wort) tun, obwohl sie hauptsächlich im genehmigten Rahmen agieren. Nicht, das ich alles was ungenehmigt im öffentlichen und privaten Raum passiert als gut anerkenne, aber ich möchte einer pauschalen Gleichung wie diese aus der Feder der ehemaligen Frankfurter OB Roth entgegenwirken und auch widersprechen:„ illegales Graffiti=schlecht, legales Graffiti=gut”. Und auch diesen Satz aus gleicher Urheberschaft möchte ich widersprechen: „(Echte) Kunst findet im Museum statt. Graffiti ist nicht im Museum vertreten, deswegen sind sie auch keine Kunst.”  Letzteres ist sowieso obsolet. Zumindest wehren sich Frankfurter Museen noch massiv ;-).

Die Diskussion was als Kunst gelten darf und was vor allen Dingen keine sein darf entscheiden nicht nur in Deutschland so genannte Bildungs- und Finanzeliten. Die Zeit ist längst überfällig darüber nachzudenken, warum das so ist.

In den über 25 Jahren meiner Tätigkeit habe ich vieles kommen und gehen sehen. So gibt es mittlerweile sehr viele Wandgestalter, Graffitisprayer, Graffitikünstler, Street Artists, Urban Art Agenturen und auch Jugendliche, die Graffiti, respektive Street Art für sich als Medium entdecken. Teils mit einer wilden Historie, teils ohne. Das ist toll und das ist gut. Aber der Begriff Graffitikunst umfasst für mich mehr.

Für mich ist Kunst immer auch Kommunikation. Entgegen vielen etablierten Themen ist Graffiti ein Medium, daß auf einer Ebene kommuniziert, die nicht sprachlich, aber trotzdem mit Typografie agiert. Der Akt des Gestaltens ist die Aussage, der Stil und die individuelle Form der Typografie ist die Eigenheit, die Interaktion zwischen dem Ort des Aufbringens der Gestaltung und dem Artist, das Einbeziehen der Umgebung. All das sind Mittel der Kommunikation

Mein Verstand hat mir früh gesagt, daß ich handeln muß (und nicht nur reden), wenn ich etwas verändern will. Das habe ich getan und vollziehe das weiterhin.

Tatsächlich geht es mir um meine Arbeiten/Werke, weniger um meine Person. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit ist hierbei eine enorme Triebfeder.

Ich benötige keine staatliche, vermeintlich öffentlichen und berufserklärenden Bestätigungen über und für mein Tun und Handeln. Ich benötige keine Repräsentanz in Form einer Galerie oder einer anderen so genannten Instanz. Meine Präsentationsfläche war und ist der so genannte öffentliche Raum.

Zurück zum Thema: Oben genannte kriminalpädagogisch unszenierte Sprüher werden von Institutionen gebucht und erstellen triviale Präventivarbeiten, die vorab den öffentlichen und privaten Raum besetzen sollen und zu Recht als visueller Kitsch bezeichnet werden dürfen, auch wenn sie vielleicht technisch gut gemacht sind.

Selbsternannte und von den sie fördernden Institutionen betitelte Graffiti- und Street Art Größen sowie Urban Art- und Kreativ-Agenturen (die meistens aus einer Figur bestehen) tummeln sich in diesem Segment; dabei buhlen sie vermeintlich nur um eine Wahrnehmung bzw. Einflußnahme. Was hier als Graffiti, Street Art oder Urban Art positioniert wird hat nichts damit zu tun, ist belanglose und gelangweilte Gestaltung, teilweise nicht mal mehr als Handwerk zu bezeichnen und ist nur als pädogischer Versuch zu werten, eine künstlerische Bewegung und deren Fans zu diskrediteren bzw. zu beeinflußen.

Teilweise werden Flächen mit Werbeästhetiken eins zu eins umgesetzt und gesprüht. Was hier erstellt wird, dient keiner ästhetischen Idee, sondern soll Flächen und Räume vorab besetzen oder dem Diktat des Tauschbefehls/Konsum dienen. Oder es folgt der Prämisse vermeintlich Böses mit Bösen zu bekämpfen, aber hierbei darf gesagt werden: Es gibt keine Sicherheit und es kann keine Garantie ausgesprochen werden. Niemand kann wissen, was in Zukunft passiert. Unter Umständen wird jemand auch in Zukunft Präventivgestaltungen übersprühen, außer wir setzen uns selbst einem komplett überwachten System aus. Ich gehe davon aus, dass dies niemand möchte.

Von dieser Gestaltungsvariante und deren Protagonisten möchte ich mich klar abgrenzen. Gestandene Stylewriter, Graffitisten und Street Artists haben eine nachvollziehbare Historie und auch eine Handschrift. Ja, auch hier gilt die Nachweispflicht. Diejenigen, die ich meine, wissen bescheid.

Auch Stylewriting kann Kitsch sein, aber es folgt einer inneren und einer anderen Ästhetik, als Photoshop Arbeiten, die sich anbiedern. Ich habe nichts gegen Fotorealismus mit der Dose umgesetzt, aber ich finde, es sollte ein künstlerisches und kein präventives Ziel verfolgen warum man diese Technik einsetzt. Hier ein gelungenes Interview von Florian Radtke aus dem Jahr 2007 zu diesem Thema, das erklären soll, was ich mit dieser Authentizität meine:

 

Eure Welt glänzt 25.000 mal in der Sekunde, aber meine Augen sind geschlossen. Denyo/Absolute Beginner

Natürlich ist Graffiti, respektive Stylewriting auch eine Form des Protestes und eine Kritik an unserer überschwenglichen Warenwelt mit ihrem Überfluss, auch an elitär gehaltener Information. Mündigkeit und Inanspruchnahme des uns umgebenden Raums, sowie Mitspracherecht und Reflektion des Alltags sind Themen die durch das permamenente Dasein von Graffitit/Stylewriting/Street Art einen fortschreitenden Wandel der Gesellschaft vollziehen.

Gerne wird hier das Wort Paralellwelt zitiert, aber dies ist es mitnichten. Nicht nur Stylewriting ist ein medialer Spiegel, der statt der Markenbotschaft ein ästhetisiertes und codiertes Ich bin hier entgegensetzt, sondern auch die weiteren Spielarten Street Art und deren Abverwandte treiben durch Ihr Vorhandensein eine satirisch-kritische Form der Kommunikation im Allgemeinraum. Kritisches Denken wird hier gefördert und praktisch vollzogen.

Übrigens kann ich vieles von dem was unter dem Wort Kunst heutzutage präsentiert wird, nicht als solche erkennen. Auch Street Art ist vielerorts einfach nur Illustration im öffentlichen Raum (der leider in Ballungszentren alles andere als öffentlich zu bezeichnen ist da er komplett reguliert ist).