Hintergrund Graffiti/Stylewriting/Street-/Urban Art

Graffiti/Stylewriting – die schönste Form des Protestes und die tatsächlich einzig echte Street Art

 

Weder durch legales noch durch illegales Hervorbringen von Kunstwerken entsteht der Gesellschaft oder dem Einzelnen Schädigung. Hingegen bedeutet deren willentliche Vernichtung Unterdrückung von Möglichkeiten zur Bewusstseinsbildung Joseph Beuys

 

Zur Geschichte des modernen Graffiti

Nur vergleichbar mit der Innovation des Buchdrucks und der Erfindung des Computers kann die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch den Bürger als mediale Revolution und dessen Nutzung als Kommunikationsfläche verstanden werden.

Der Begriff Graffiti als Ausdrucksform des Protestes oder als Gestaltungsmittel mit der Farbsprühdose ist etymologisch nicht richtig, aber medial gestreut und daher volkskundlich etabliert.

Temporär wird das Gestalten mit der Farbspraydose und mit unkonventionellen Werkstoffen/Werkzeugen im öffentlichen und privaten Raum zusätzlich unter den Begriffen Urban- oder Street Art positioniert. Die ursprünglich amerikanische Variante, mit der ich begann, nennt sich Stylewriting. Tatsächlich glaube ich, daß Joseph Beuys mit dem richtigen Stylewriting die soziale Plastik posthum erhält.

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© is for loosers-Banksy

Bei wenigen Themen wird so hoch emotional diskutiert und sind die Fronten kontinuierlich seit Jahrzehnten verhärtet: Modernes Graffiti startet Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts als ziviler Ungehorsam und codierte Kommunikation/Artwork in den USA, weltweit weitervermittelt über die Massenmedien. Die Bandbreite von temporärem Graffiti reicht von legaler Präventionskitschmalerei, hin zu gestalterisch-künstlerischer Ausdrucksweise bis zu pupertierender Anfängerkritzelei und illustrativen Arbeiten im genehmigten und ungenehmigten Rahmen. Weiterhin finden sich vermehrt Menschen, die ihre Arbeiten als Graffiti titulieren, diese aber samtsonders gerne im Siebdruckverfahren erstellen lassen. Es gibt also auch hier eine Menge Fake.

Durch das beständige Penetrieren – analog zur Werbung – von nicht genehmigten modernen Graffiti im öffentlichen Raum (den es nicht gibt – dazu später mehr) über einen Zeitraum von weit über 40 Jahren hat sich die Wahrnehmung auf andere Medien allgemein verändert. Vorrangig junge Menschen werden durch das Medium Graffiti/Stylewriting beeinflusst und wollen mehr darüber erfahren und es selbst erlernen.

Fakt ist, daß die ständige Neuerfindung von Gestaltungen/Styles im öffentlichen Raum, bei der jede Generation ihren eigenen Gestaltungscode festlegt, einen beständigen kulturellen Beitrag beinhaltet und zum Konzert der menschlichen Aussagen und Kommunikationen beiträgt. Sie sind Zeichen einer neuen Zeit.

 

 

Aha, Graffiti!
Aha, Graffiti!

 

 

Eine geschickte Analogie: Graffiti-ähnlich dem Bär in dem Cartoon ist eine der ältesten Kommunikationsmittel des Menschen.
Eine geschickte Analogie: Graffiti – ähnlich dem Bär in dem Cartoon – ist eine der ältesten Kommunikationsmittel und das älteste uns bekannte Medium des Menschen.

 

Be the change you wish to see. Ghandi

 

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Der Freiheitsgedanke und Graffiti als Medium oder the medium is the message:

Die Nutzung des elitisierten und privilegierten, weil restriktiv verknappten, öffentlichen Raums als Gestaltungs- und Kommunikationsoberfläche ist ein revolutionärer Akt archaischen Ursprungs, denn schließlich sind die ersten uns bekannten Kommunikationsmedien der Frühmenschen, neben Trommeln, die weithin hörbar waren, die Welt (heute: der öffentliche Raum), respektive die Wandflächen und Fassaden unserer Gebäude.

Tatsache ist sogar, daß unerwünschtes modernes Graffiti/Stylewriting ein sicheres Zeichen für Meinungsfreiheit und ein unüberwachtes System darstellen kann. Wenn wir ein totalitäres System mit öffentlicher Überwachung implementiert haben, werden wir wahrscheinlich keine wilden Graffiti mehr wahrnehmen. Der Schwund öffentlichen Freiraums ist am Parameter des wilden Graffiti bestens meßbar. Bestes Beispiel ist die Innenstadt Londons, die nahezu Graffitifrei ist, dafür allerdings überall Überwachungskameras installiert hat, dem so genannten CCTV/Closed Circuit Television. Von den ständigen Heliktoptern über der City of London ganz zu schweigen.

Freiheit und Besitz: Ein Widerspruch in sich. Wer mit Graffiti beginnt braucht viel Chuzpe, denn er hinterfragt bestenfalls die systemrelevanten Begriffe von Eigentum und Besitz, weiterhin die Begriffe Allgemeinheit und Öffentlichkeit. Alle Begriffe eint der rechtliche Rahmen, der ihnen obliegt und dem Einzelnen die Doktrin des Tausches als Zwangskorsett näherbringt.

Tausch und Kauf für ein Leben der Eventualität.

Eines der wenigen Rechte aller: Das Recht auf Konsum. Kein Geld -keine Tauschkraft = exkommuniziert=Freiheit?

Die Entwicklung der industriellen Gesellschaft zur >>Gesellschaft im Überfluss<< verdrängt das Interesse an der Freiheit zugunsten von Wohlstand und Sicherheit. Das Freiheitspathos früherer Jahre ist dahin, die moderne Gesellschaft unserer Prägung gebiert nicht mehr den autonomen, sondern den konformen Menschen. Kurt Sontheimer in: Die Idee der Freiheit – ihre Entfaltung und Verkümmerung, Frankfurt 1967.

Stylewriting, Graffiti, Street- und Urban Art brauchen daher keine massenmediale Darstellung. Durch ihre Nutzung des öffentlichen Raums sind sie selbst ein Massenmedium.

Dagegen stellt sich mit der verorteten Genehmigung, wie z.B. einer so genannten Hall of fame im öffentlichen (und/oder privaten) Raum eine Informationsghettoisierung dar, die den Machtanspruch und die vermeintlichen Herrschaftsansprüche einiger weniger (eben über die öffentliche Verortung) widerspiegeln sollen.

Nehme ich Marshall McLuhans These Das Medium ist die Mitteilung/the medium is the message ernst und übertrage es auf die Idee des Geldes, daß ich persönlich eher als soziales Kontrollinstrument denn als echtes Tauschmittel ansehe, so teilt es sich mir als Angehöriger des Prekariats nur in zwei Nutzungsmöglichkeiten mit: Ausgeben (Vermögen schaffen/Besitz generieren) oder Anlegen (und vermeintlich vemehren/andere damit arbeiten lassen, die wiederum andere damit beschäftigen). Recht geringe Auswahl für so ein angebliche mächtige Idee.

Sehe ich das Mitteilungspotential allerdings beim Medium Wand/öffentlicher Raum, so erkenne ich eine Vielzahl von Kommunikationsmöglichkeiten: Informationsübertragung, Werbung, Gestaltung/Kunst. Letzteres halte ich für das wichtigste Potential.

Hierbei verweise ich gerne weiterführend auf: Understanding Media: The Extensions of Man/“The medium is the message“ von Marshall McLuhan und die medientheoretischen Schriften von Jean Baudrillard.

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Stylewriting, Urban Art und die Rolemodels gesteuerter Massenmedien

Seit circa den frühen 2000er Jahren nehme ich vermeintliche Graffitimaler, Street- bzw. Urban Artists und so genannte Graffiti-Agenturen als Rolemodels in Deutschland wahr, die, die über die Massenmedien pädagogisch positioniert, nie oder nur sehr kurz den Akt des wilden Sprühens vollzogen. Vorrangig aus den ost- und mitteldeutschen Räumen kommend, agieren fotorealistisch geschulte Präventivkitschmaler mit der Farbsprühdose, die der Bürgerschaft eine künstlerische Leistung vorgaukeln und auch deren Gestaltungshorizont wiederspiegeln sollen. Da werden ganz selbstverständlich Lügen verbreitet und die eben genannten als geläuterte Aktivisten einer Szene präsentiert, die eigentlich so lange überlebt hat, weil sie eben keine heterogene Gruppierung darstellt.

 

 

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Wachstum, 2013, Sprühdose auf Pressspahnplatte, spraycan on wood, ca. 80 x 180 cm
Wachstum, 2013, Sprühdose auf Holz © Bomber

 

Die ursprüngliche Idee hinter Graffiti/Stylewriting ist, die eigene Schriftidee als Ausstellungsobjekt in die Öffentlichkeit zu tragen. Befreit von ihrer Ein- bzw. Zweidimensionalität, befreit von ihrer Zweckhaftigkeit, gegeneinander nur durch ihre Stilistik kämpfend, schafft der Graffitiwritingkünstler Schrift von ihrer Gesetzmäßigkeit und Nutzung zu entbinden. Er schafft es, sie eigenständig zwischen allen Menschen zu positionieren. Dabei nutzt er die Schrift einerseits als bewußte und abstrakte, in sich politisch und humanistische Antwort auf die Eingriffe seitens der Werbung und der Medien. Andererseits wird das Graffitiwriting zum individuellen Aufschrei innerhalb einer oftmals unmenschlichen Architektur. Es war die archaische Wiederentdeckung des öffentlichen Raums als Gestaltungsobjekt, die einen Bogen bis in die Anfänge des menschlichen Zusammenseins schlug. Bomber 2009

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The difference between art and Graffiti is permission. US Anti-Graffiti Kampagne

 

Wildes Graffiti ./. domestiziertes Graffiti. Rechtssysteme oder Legal Graffiti is a crime

Wenige Worte werden so vergewaltigt wie die Worte Kunst und Kultur. Jeder Scheiss möchte werts genug sein um Kunst zu sein. Jede Nagelstudiohusche nennt sich Nailartistin. Jeder Friseurfritze ist auf einmal ein Hairartist. Kaufen wird zur Kultur erklärt, Shoppingmals deren Museum/Galerien und die Ökonomisierung von allem macht vor tatsächlich Nichts mehr halt. Modernes ungenehmigtes und unerwünschtes Graffiti/Stylewriting oder die Eroberung des öffentlichen Raums durch Menschen ist ein Kind der 68er Bewegung und kann in seiner Form allerdings die schönste Art des generationsübergreifenden Protestes sein, der nach eigenen Karriererichtlinien außerhalb monetärer Strukturen, rein stilistischer und ästhetischer Naturen folgt. Mit den Stilmitteln und gleicher Handlungsvariation wie in der Werbung und Marketing, z.B. Wiederholung und Penetration, dient es einem antagonistischem Sinn und zeigt, daß menschliche Kultur eben nicht nur aus der obskuren Formulierungen wie z.B. Leitkultur und geförderter (Hoch)-kultur besteht, sondern auch aus Reflektion der vermeintlich alles beherrschenden Medienwelt.

Aber nein, Kunst darf das nicht sein. Das Abbild davon wiederum schon.

 

Der Künstler als Pausenclown

Überhaupt scheint es ein unbeschriebenes Gesetz zu sein, daß man, nicht nur in Deutschland sein Einkommen grundsätzlich eben nicht aus und mit bildender Kunst generieren kann/darf, zumindest wenn man nicht staatlich anerkannt ist.

Es erscheint mir mittlerweile so, daß eine sozial-kontrollierende Elite (eben über Geld/Wohlstand), sich ihre über staatliche Bestätigung generierten Künstler/Pausenclowns heranzieht, die dann in einem Zirkus, bestehend aus einem Beziehungsgeflecht zwischen Museen und Galerien hin-und hertingelt.

Ziehe ich eine mathematische Gleichung aus dem Ganzen, erfolgt folgendes:

Geld=soziale Kontrolle

Besitz=Betrug/Beschäftigung für die Massen/Sich kümmern um

(Klar, ist immer noch besser, statt sich alle auf die Mütze hauen, wie die Jahrhunderte davor).

Das Rechtssystem scheint das zu stützen und mit aller Kraft zu verteidigen.

 

 

Rechte gelten nicht. Geld richtet. In Frankfurt gesehen.

If graffiti changed anything it would be illegal © is for loosers-Banksy

If graffiti changed anything it would be illegal (nach einem Originialzitat If elections could change things, they’d be illegal von Oscar Wilde © is for loosers-Banksy

 

Das Systemische vs. das Wilde beinhaltet überhaupt wesentliche Ansätze zur Steuerung: Im Zuge der vermeintlich postiven Ordnungsorganisation von Themen sucht sich das Systemische immer die Verwaltung und Vereinigung von wilden Themen und verortet sie zwingend: Fußball wird nur auf dem Fußballplatz gespielt, Graffiti nur am Jugendhaus, Vereine ins Vereinhaus. Einmal kurz nachgedacht, wäre die Liste sehr lange.

Die Bestrafung des Nichttausches:

Artwork freiwillig und unbeauftragt in den öffentlichen und/oder privaten Raum hinzuzufügen ist eine rebellische Tat, da sie den Urheber/Verursacher in zweierlei Hinsicht Geld kostet:

a.) Um den Ort der Begierde aufzusuchen benötigt er Möglichkeiten des Transportes und der das Artwork zu verursachenden Werkzeuge.

b.) Bei Störung und staatsgewaltlicher Behinderung folgen monetäre Konsequenzen und/oder andere Ansprüche der vermeintlich Geschädigten/Beglückten.

Hätte Picasso oder Banksy(stem) an ihrer Hauswand gesprüht, würden Sie erkennen, daß Werte rein medial gesteuert sind und hätten es sich mehrfach überlegt, diese zu reinigen.

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Graffiti und die Analogie zur digitalen Welt:

Eine Kommentarfunktion eines sozialen Netzwerkes oder einer Website wird in der realen Welt mit Marker, Farbsprühdose oder einem anderen Werkzeug gerne als Vandalismus tituliert. Ein Hinzufügen oder eine Meinung ist nicht erwünscht bzw. nur in einem abgesteckten Rahmen möglich. Natürlich darf in einer Demokratie jeder Bürger eine Meinung haben, aber ob er sie haben sollte und ob sie etwas bewirkt ist entscheident. Der Schwarmgedanke der zukünftigen Cloud wird eine weitere Veränderung der instrumentalisierten Gesellschaft mit sich bringen.
Die sozial angepasste Gesellschaft der nahen Zukunft wird keine vermeintlich negativen Handlungen mehr tolerieren und wird in eine totalitäre Herrschaft nach dem Prinzip Alle überwachen alle übergehen.

Dank der Naivität von Erfindern der heutigen Personal-Rechner wie Steve Wozniak allen Gedanken über Computer frei teilen zu können wird sich die Gesellschaft in ein Überwachungssystem ohne staatliche Restriktionen verwandeln.

Glaub ich nich‘! Sticker/Aufkleber. Street Urban Communication © Reality Fakebook Comment

Glaub ich nich‘! Sticker/Aufkleber. Street Urban Communication © Reality Fakebook Comment

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Graffiti und der Jugendkult oder Pädagogik, Pädagogik über alles …

 

Natürlich geht es bei Stylewriting/Graffiti nicht nur um bunte Bildchen malen. Für Kinder, Jugendliche und jüngere Erwachsene und auch manchen richtig ausdefinierten Erwachsenen, der an Klischees glaubt mag das gelten, aber im Großen und Ganzen geht es bei Stylewriting/Graffiti doch sicherlich eher um eine kontinuierliche Einflußnahme als Medium im öffentlichen Raum, dies durchaus auch als sinnfreier und aussageloser Störfaktor. Soziologisch gesehen kann dieser Vorgang als Ankündigung eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses angesehen werden.

Gerne wird im Zusammenhang mit Graffiti/Stylewriting durch Massenmedien von jugendlichen Akteuren gesprochen. Und tatsächlich kann ich eine große Anzahl Zeitungsartikel als Beweis bieten, in denen immer von Kindern und Jugendlichen berichtet wird, die tolle Bilder gesprüht hätten, die in Wirklichkeit samtsonders von teilweise weit über 30-jährigen Menschen erstellt wurden.

Wozu diese Augenwischerei und wem soll damit was gesagt werden?

Da es über Graffitisten noch keine öffentlich bekanntgegebenen statistischen Erhebungen gibt, sondern nur bei wilden (ich möchte den Begriff ”illegal” als den unrichten Begriff nicht nennen) Arbeiten auf verfolgungsbehördliche Zahlen eingegangen werden könnte, ist also die Behauptung Stylewriting/Graffiti sprühen wäre etwas für Kids und/oder wird nur von Jugendlichen vollzogen ins Reich der Märchen zu verweisen. Fakt ist auch hier ein anderer; denn die meisten etablierten Graffitisten sind Erwachsene. Modernes Graffiti ist seit der ersten großen weltweiten medialen Streuung im Rahmen der Hip Hop Welle 1984 mit einigen Generationen an europäischen, asiatischen und überseeischen Graffitisprühern in die Lande gegangen. Und auch sonst ist modernes Graffiti schon seit Ende der 60er sowohl aus Süd- als auch Nordamerika bekannt.

Schlußendlich sei erwähnt, das die meist unschönen und ungut ausgearbeiteten Werke durch unerfahrene Beginner im öffentlichen Raum aufgebracht werden. Um dem entgegenzuwirken geben sehr viele Graffitisten (so auch meine Wenigkeit) Workshops an Schulen und Institutionen um dem engagierten Nachwuchs das Werkzeug Farbsprühdose an die Hand zu geben und näherzubringen.

Allerdings nähern sich immer wieder, mittlerweile über Jahrzehnte, generationsübergreifend junge Menschen dem Thema Graffiti/Stylewriting/Urban Art, teils von selbst, teils geführt, formen es um und modifizieren es mit ihrer Energie. Ihnen allen liegt ein Aufbegehren und ein Wille zum Zeichen setzen inne, dem wir älteren gerne beistehen.

Dadurch, daß Stylewriting/Graffiti in direkter Konkurrenz im öffentlichen und privaten Raum zu den Medien Leitsystemen und Werbung steht, ist es eine visuelle Medienkraft und wird von allen gesehen. Von Natur aus neugierig, sind es meist Kinder und Jugendliche, die sich für dieses zusätzliche Medium interessieren.

Heute fließt Stylewriting/Graffiti immer mehr in die Alltagskultur, die Darstellung wird beliebiger und verwässerter ob der Masse der Teilnehmenden. Was früher elitär, abseits des Konsens war und nur einer Minderheit zugänglich und bekannt war, beginnt zunehmend Mainstream zu werden.

 

Kid-Sprayer

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Graffitisten. Originalcover: Titanic Magazin.

Graffitisten. Originalcover: Titanic Magazin.

Graffiti/Stylewriting und verkriminalisierter Protest

Betrachtet man die Geschichte, wurden Veränderungsprozesse oft eingeleitet von Grenzüberschreitungen bzw. Regelbrüchen. Je mehr Regelbrecher es gibt, um so mehr verschiebt sich die Wahrnehmung der restlichen Bevölkerung. So beginnen auch Trends oder Moden. Wenn ein Trend zur Mode wird und darüber hinaus zum generationsübergreifenden kulturellen Bestandteil, dann darf man durchaus von einem Bedarf sprechen. Graffiti/Stylewriting/Urban Art und die Benutzung des öffentlichen Raum als Medium haben also einen Bedarf geweckt. Aber um was bedarf es da?

Es geht um unter anderem um mündiges Bürgertum, Suche nach Kommunikation, Wertsuche und Würde. Und es geht um Wut und Ohnmacht. Und es geht um Protest und künstlerisch-kreativem Ausdruck. Natürlich kann keine dieser Annahmen pauschal gesehen werden.

Was mich und meinen Werdegang betrifft, so dreht es sich für mich auch um ein Hinterfragen staatlicher Ordnungen und deren Verknüpfungen mit vermeintlicher Privatwirtschaft/Wertschöpfungen. So wundert es mich, daß es bis heute keine Hochschule geschafft hat, eine ordentliche Professur für das Thema Urbane Kommunikation/Urban Art einzurichten. Aber ist so etwas auch nötig, wäre da die richtige Frage? Ist so etwas, nur weil es staatlich gefördert bzw. anerkannt wird, deswegen in besseren Händen? Gewinnt so eine Kultur durch einen staatlichen Adelstitel? Oder verliert es dadurch nicht einen Teil seiner Wildheit und Verwegenheit?

Ausdruck vermeintlich elitären Protests.

Ausdruck vermeintlich elitären Protests und vermögender Freiheit?

 

 

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Graffiti/Stylewriting und der nicht existierende Kunstmarkt oder: des Kaisers neue Kleider. Bildende Kunst als Dienstleistung am Kapital?

 

”Wie viele professionelle bildende Künstler in Deutschland in ihrem Umfeld kennen Sie, die von ihrer Kunst anständig leben können?” frage ich meistens Besucher. Die Antwortet ist immer die Gleiche: Keine(n).

Entweder die Künstler agieren im Feld der Pädagogik um sich ihren Unterhalt zu verdienen oder sie haben andere Hauptberufe und bedienen den künstlerischen Part nur hobbymäßig. Die wenigen, die professionell vollzeit künstlerisch arbeiten, leben meistens unter dem in Europa noch hohen Existenzminimum, sind also reines Prekariat. Erstaunlich in Anbetracht der medialen Darstellung von bildender Kunst und der Summen, die da in Massenmedien genannt werden. Wer profitiert eigentlich von diesen Märchen und warum gibt es dann eine Künstlersozialversicherung ?

Realität ist hierzulande, daß die Bühne der  bildenden Kunst und der damit Beschäftigten aus Freiwilligen, Ehrenamtlichen, Hausfrauen mit Doppelnachnamen (Pädagogen?), Rentnern, studierter Kunst- und/oder Sozialpädagogen, elitär-etablierten Architekten (auch mit Künstlerstatus versehen), Ehepartnern gut situierter einkommensstarker Staatsdiener, Kinder wohlhabender Familien, selbsternannter Malerfürsten, Grafikern, Werbern, Vorstände (die Gewinne minimieren müssen und/oder keine Umsätze generieren müssen) und von verbeamteteten Kunsthistorikern/Innen besteht; aber kaum reale bildende und freie Künstler. Übertrage ich das analog auf die Musik- oder Schauspielerbranche würde das ein fatales Bild ergeben.

Laut Medien ist der Markt für moderne bildende Kunst außerordentlich elitär und gering. Ich behaupte allerdings, er existiert nicht. Was noch verwunderlicher ist, daß trotz der Vielzahl der Kunst-Studiengänge und der damit zusammenhängenden Zulieferer-Industrie so wenige, anscheinend nur weniger als 3 %, der bildenden Künstler davon leben können. Wer wirft eigentlich solche Zahlen in den Raum und wo sind die Erhebungen dazu?

Kunst und Kommerz: Noch immer geistert die Mär im Raum, vorrangig auch bei so genannten Künstlern sich nicht mit dem Kommerz einzulassen und Kunst als kommerzfreies Thema zu behandeln. In Anbetracht dessen, daß sich das gesamte System des humanen Lebens mehr oder minder um Kommerz dreht eine reichlich illusionäre Vorstellung. Es gibt kein Außerhalb des Systems sage ich gerne in diesem Zusammenhang. Selbige, die vorab über den Kommerz schimpfen, hängen dann an der Titte der staatlichen Förderung- und das ist dann wieder völlig in Ordnung, da DAS ja dann kein Kommerz darstellt. Diese Kleingeistigkeit seitens vieler Protagonisten zu sehen, erschreckt nicht nur mich.

Deutsche Förderungskultur: In diesem Zusammenhang eine Unterscheidung zwischen Hoch- und Subkultur einzufordern, wie es gerne im Rahmen deutscher Förderkultur stattfindet, ist meiner Meinung nach ein Relikt faschistoiden Gedankenguts und sollte alsbald überwunden werden. Im Hoch der Hochkultur erkenne ich nur die größtenteils über die Massen generierten Subventionen für eine sich selbst definierende Kulturelite (wenn diese Informationen überhaupt real sind). Und wieso gibt es überhaupt eine Einteilung der Kultur?

Für den vermeintlichen Street Art Hype gilt das Gleiche. Das Realeinkommen z.B. meiner freien Arbeiten auf Leinwand würde nicht für mein Dasein reichen. In momentan sage und schreibe 26 Jahren in denen ich in dem Bereich Graffiti/Street Art auf Leinwand agiere hatte ich noch nie eine Anfrage einer vermeintlich etablierten Galerie. Was mich zu der Annahme führt, das der Begriff etabliert in so einem Zusammenhang auch als hinfällig zu bezeichnen ist, denn die meisten Galerien sind scheinbar Plätze für lustige Scheingeschäfte zwischen Großsteuersparern und sind nur als temporär existent zu bezeichnen.

Allerdings verkaufe ich doch hie und da Arbeiten und auch meine Auftragsarbeiten im privaten und öffentlichen Raum bezeugen einen echten Bedarf bzw zeigen an, dass es Menschen gibt, die Wildes mögen.

Wenn ich mir die Menge der Kids anschaue, die sich dann als Street oder Urban Artists definieren (”Hey, ich studiere Kunst/Grafik/…usw. und habe ein kleines Label für trendige selbstgemachte Produkte”) und dabei selbst zum Ziel geschickter Figuren werden, die einem dann Messeplätze auf Street Art -, Kunst- und/oder Fashion-Messen verkaufen, dann greife ich mir nur noch an den Kopf.

Wer trotzdem den Weg des Künstlers gehen will, geht einen harten und steinigen langen Weg, der nicht unbedingt von Erfolg gekrönt ist oder er steht in Deutschland in direkter Konkurrenz mit künstelnden Steuersparern und Unternehmern, die wissen daß der Künstlerstatus zu vielem zu gebrauchen ist.

Natürlich funktioniert Street Art/Graffiti in der Galerie und im Museum nur bedingt bis gar nicht. Diese Arbeiten leben ja geradezu vom Kontext mit dem öffentlichen Umfeld. Ein Museum hingegen ist vielleicht eher eine Erinnerungsinstanz, ein Bewahrer für Vergangenes und Totes.

Und: Nicht überall wo Kunst draufsteht, ist auch Kunst drin. Ich wüsste eine Menge Galerien und Museen in denen ich für mich kaum künstlerisches entdecken kann, vielleicht gerade mal die Steuererklärung der Galeristen und deren Klientel: Von daher vielleicht eher: Money is art.

Respektive dazu möchte ich den Diskurs beginnen:

Bildende Kunst bzw. Artwork als Leistung?

Viele Felder werden angeblich von Tante Kunst abgedeckt:

Kunst als therapeutische Maßnahme

Kunst als pädagogische Maßnahme

Warum nicht Kunst als Leistung?

Abbilder und Kontexte von Stylewriting/Graffiti gelten als Kunst. Das Stylewriting selbst hingegen oftmals nicht. Medien und Kunsthistoriker/Kunstkritiker, Finanzämter (!), und die Jurisprudenz ernennen, was als Kunst gelten darf und was nicht.

Gesamtgesellschaftlich gesehen hat Kunst, zumindest habe ich den Eindruck in Deutschland, einen Stellenwert der gegen Null tendiert, da Kunst nicht als einkommenswertige Leistung gelten darf.

Bildende Künstler in Deutschland – vielleicht sogar weltweit – sind Handwerker ohne Gewerkschaft und (absichtlich) kaum mit Rechten ausgestattet. Ausnahme: Staatsdienliche Pädagogen (ob verrentet oder nicht). Man könnte meinen, es steht eine Absicht dahinter, Kreative in prekären Situationen zu halten.

Modernes Graffiti/Stylewriting begann tatsächlich, wie alle großen Kunstrichtungen, wie z.B. Art Noveau mit Tabubrüchen und assimilierte über einen längeren Zeitraum zum Zeitgeist und Trend. Allerdings läuft dieser Prozeß immer noch; seit über 30 Jahren.

Fazit: Der Markt für zeitgenössische Kunst existiert nicht, außer man macht ihn sich selbst.

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Graffiti – das falsche Wort: Stylewriting und die Philosophie. Gedanken, Reflektieren und Mitgestalten.

Die kontinuierliche Weiterentwicklung und Modifizierung des Alphabets, des Blutes unserer Kommunikationswege, ist das persönliche Ziel jedes mit Stylewriting beschäftigten Individuums. Stylewriting ist, ähnlich einem Mandala ein stetiges Aufbauen und Vergehen und kann bestenfalls in purer Meditation bzw. völliger Sinnlehre enden. Das Gestalten mit unterschiedlichen Mitteln im öffentlichen und privaten Raum ist eine meditative Beschäftigung mit sich, der Welt und der Beziehung zu anderen Individuen. Eine Zerstörung bzw. Beendigung des vollzogenen und aufgebrachten Styles birgt eine Möglichkeit des Neuanfangs. So haben Arbeiten im öffentlichen Raum oftmals eine kurze Halbwertzeit. Durch Verfolgungsbehörden und Reinigungstrupps, sowie durch rivalisierende Gegner und vermeintliche Eigner der benutzten Flächen werden viele Arbeiten schnell entfernt und sind oft nur auch hier temporär auf Foto und/oder in digitalen Netzwerken vorhanden.

An so genannten Unorten wie Betonbrücken, Unterführungen und ähnlichen architektonischen Meisterwerken vollziehen sich daher oftmals wunderbare Mauerblüten.

Apropos Unorte: Mich wundert es immer wieder, wie wir als Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt werden, was die Generierung von so genannten Unorten durch Baufirmen und Architekten geht. Da wurden und werden weiterhin, ob über angeblich privates Kapital oder über Steuergelder Betonwüsten finanziert, in denen niemand wirklich leben möchte, wie z.B. Projects/Hochhaussiedlungen/ganze Stadtteile oder Betonbrücken in Landschaften gesetzt, ohne die Auswirkungen auf die Umgebung zu bedenken oder die tatsächlichen Belange von Bürgern zu testen. Diese architektonisch – verorteten Meisterwerke/Legebatterien neu- bzw. umzugestalten und aufzuwerten, war schon indirekterweise lange die Idee des Stylewriting/Graffiti.

 

 Stylewriting/Graffiti und die Gestaltung

Kunsthochschüler und Gestaltungsschüler mit einer Historie im Stylewriting/Graffiti werden gerne von den Hochschulen neu programmiert und zu einer der medial gleichgeschalteten und konditionierten Allgemeinheit zuträglichen, wie nutzbaren Variante konditioniert. Das erste was diese lernen, ist, die Farbsprühdose als Werkzeug niederzulegen und andere Gestaltungstools zu nutzen. Die gleichen Riotfanatics gestalten dann als nächstes angeblich wertige Anzeigen für Konzerne am Computer und/oder dürfen mit Pinsel über Mittelsmänner gepushtes vermeintlich wertvolles, weil werbliches Artwork erstellen.
Was hier lange überfällig ist, sind ernstzunehmende Postitionen an den Gestaltungshochschulen, die den gestalterischen Schwerpunkt des Stylewritings beleuchten und nicht nur die soziologischen Komponenten in den Vordergrund stellen.

 

Oldschool, Newschool, No School …

Witzig, während unsereins so ohne Hintergedanken an weiterführende Produkte bzw. einer weiteren Nutzen unserer Arbeiten wild oder unwild anbrachten (teils sogar ohne die Arbeiten zu dokumentieren), wird heute gerne schon mit folgerichtigen Aktiva geplant: Da werden Videos und Bücher aus den Werken produziert. Da wird am Image geschraubt und Stories gepusht, daß es nur so rauscht. Man könnte meinen, es geht gar nicht mehr um die Verortung, sondern nur noch um den weiteren Nutzen um sein Ich zu überhöhen.

Ein wahrlich seltsames Ergebnis.

 

Der so genannte öffentliche Raum und Medien

Wenn ich über den Begriff der öffentlichen Meinung nachdenke, komme ich zu dem Entschluß, daß es so etwas nicht gibt. Es gibt nicht einmal eine Öffentlichkeit, geschweige den öffentlichen Raum. Einzig tatsächlich agierend sind Medien, die den Begriff implizieren und damit ein privilegiertes Machtverhältnis ausdrücken.

Die Idee des Menschen seine ihn umgebenden offenen, ungeschützen und geschützen Räume als Medium zu nutzen, nicht nur in Not- und Krisenzeiten als Kommunikationsmedium zu verstehen, ist so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst und wird in moderner Zeit vehement bekämpft. Einzig, die digitale Welt der vermeintlich sozialen Netze schafft ein Alternativpaket dazu, hat aber den Nachteil nicht temporär verortet zu sein.

 

 

… to be continued

 

© Helge W. Steinmann/Bomber-phil-o-sauve 2013-2017

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Der Beginn moderner Graffitiphilosopie aus dem Pink Panther in 1964. „The pink phink“ © MGM, Friz Freling The beginning of the modern Graffitiphilosophy by the Pink Panther in 1964. „The pink phink“ © MGM, Friz Freling