Vom so genannten „Künstlerdasein” in Deutschland

Respect is not a one way street – Henry Rollins

 

Wer in Deutschland versucht rein von freier Malerei, respektive so genannter bildender Kunst zu leben, geht einen einsamen Weg. Gerade mal eine Promille der Künstler kann angeblich von ihrer Kunstproduktion leben (Quelle: Boesner Magazin).

Und tatsächlich, selbst unter studierten und vermeintlich etablierten Artisten sucht man die durch die Kunst zu Wohlstand gekommenen, wie die Nadel im Heuhaufen.

Nun, willkommen … ich bin eine Person innerhalb der Promille.

Temporäre bildende Kunst in Deutschland darf anscheinend nur in Zusammenhang mit institutionalisierter Bestätigung erfolgen und Erfolg haben. Alles andere wird gerne offiziell unter der Rubrik „Volkskunst” diskreditiert und gerne auch als wertfrei begriffen. Warum solche Beurteilingskriterien hier so unfassbar gut greifen, liegt möglicherweise in der Handhabung mit den zu erziehenden Menschen; dem Bildungswesen. In Deutschland möchte man sich ja nicht blamieren und immer auf Nummer Sicher gehen; cool sein (leider ist man das ja dann genau eben nicht) und daher nur gesellschaftlich akzeptiertes, also massenmedial Vorgelebtes feiern.

Normbrüche gelten als verwerflich und werden oftmals verkriminalisiert.

Unsere Bildung lehrt hier, je nach Klassifizierung der Finanzkraft der Erziehungsberechtigten, nur zu funktionieren, eben nicht als selbstständiges Wesen (mit eigenen Werten) zu agieren, sondern nur in der sozialen Sicherheit der Nachbarn und Menge seine Erfüllung zu finden, oder eben auch bei ausreichender Honorierung der Lehrenden einem freien Willen zu folgen.

 

Berufsbild Künstler

 

Der Bundesverband Bildender Künstler BBK, als Berufsvertretung (!) der Bildenden Künstlerinnen und Künstler besteht vermutlich aus 99 % aus in Rente stehenden und einigen wenigen aktiven Lehrkräften, Pädagogen und anderweitig versorgten Personen.

Als ich dessen hessischen Vorstandsvorsitzenden Peter Pelikan (laut eigener Aussage kein Künstlername) nach einer Atelierversicherung fragte, antwortete er mir, daß er sich so etwas nicht leisten könne.

Wer es so, wie ich es wagt, trotzdem davon zu existieren, erlebt die skurilsten Versuche möglicher Auftraggeber und potentieller Käufer, die eigene Malerei als unwertig darzustellen und es geschickt als Nichtigkeit zu diskreditieren.

Gerne gehörter Top-Spruch: „Mach doch mal. Du machst das doch gerne.” und „Du schüttelst das doch aus dem Ärmel.”

Ich, als im Tauschsystem-Konditionierter antworte dann oft: „Gib mir eine bestimmte Menge bunt bedruckter Papierzettelchen (der Wertigkeit halber mit Kunstwerk darauf-einem Stich) im Vorfeld und ich lege los.”

Unwertig um so mehr, weil in meinem sehr speziellen Fall meine angebotenen künstlerischen Geschäfstfelder Graffiti, Urban- und Street Art auch wild und frei/kostenfrei erstellt werden, die (Produktions-)Kosten also auf der so genannten „Verursacheseite” liegen. Graffiti darf weiterhin kein Handwerk sein, Kunst darf es aber auch nicht sein.

Weiterhin erlebt der Davon-Lebendwollende den irrwitzigen Versuch der (Kriminal-?)Pädagogik, eine Systemik zu generieren, Lehrkräften und Pädagogen im Sektor Kunstunterricht die Möglichkeit zu geben, den Kindern und Jugendlichen Graffiti  im offiziellen Lehrbereich des Kunstunterrichts instrumentalisiert und uniformiert weiterzuvermitteln.

 

Offizielles Kunst-Lehrbuch mit Beispielen anhand wilder Graffiti aus Frankfurt

 

Ich entschied mich schon sehr früh dieser Tätigkeit, dem Sprühen also, eine Wertigkeit zuzusprechen und diese auch von der Gesellschaft zu fordern. Mit dem Erfolg, daß folgender Nachwuchs, der nie wild agierte, trotzdem malerisch mit der Dose tätig ist als Rolemodels und Vorbilder für pädgogische Maßnahmen agieren dürfen und damit wiederum die Wertigkeit absprechen dürfen (siehe Welt-Kompakt-Artikel: Die Perfektion des Unperfekten).

Denn die handeln erstaunlicherweise wiederum kostenfrei. Beispiele gibts zuhauf, nicht nur in Frankfurt: Herakut, Naxosbande in FFM, Artists im „The Haus/Berlin” gestalteten & künstelten sogar nur für ’ne Pizza.

20 Street Art Künstler Honorar-eine Pizza

 

Wem soll hier was durch solche Artikel gesagt bzw. gezeigt werden?

Soll der so genannten schweigenden Mehrheit gezeigt werden, daß wenn es etwas wild aufgebracht hat, es weiterhin keine Wertigkeit haben darf?

Selbst wenn es erlaubnisrechtlich gesichert ist, darf es trotzdem keinen Wert haben?

Andi Warhol hatte recht. Es geht nicht um Kunst. Es geht nie um Kunst. Es geht um Tausch und Mehrwert bzw. Vermögenssteigerung. Kunst ist Arbeit. Verkaufen ist Kunst.

Darf Artwork, respektive Kunst am Bau nur dann eine Wertigkeit besitzen, wenn es offiziell als Kunst bestätigt wurde? Und wann ist es das? Wenn es eine große Tageszeitung als internationale Graffiti-Kunst tituliert?

Hat es nur eine Wertigkeit, wenn Sozial- und oder Kunstpädagogen, die nie den Akt des wilden Sprühens vollzogen, dem Nachwuchs die ordentliche Indoktrination des geordneten Sprühens näherbringen?

Umgekehrt wird für viele Architekten ein Schuh daraus. Ausgestattet mit dem Künstlerstatus lässt sich da einiges finanziell abräumen und man wird politisch noch gefeiert. Ein Hoch darauf, daß Kunst keine für den Begriff stehende Grenzen aufweist.

Klar, Deutschland hat im 3. Reich systematisch Kunst normen wollen. Dieses heisse Eisen möchte heute niemand mehr in die Hand nehmen wollen. Daher wird jetzt sehr viel heisse Luft produziert und diese dann als der heisse Scheiß gefeiert und tatsächlich frei agierende bildende Künstler muss man auf der Landkarte mit der Lupe suchen.

Nicht umsonst haben wir in Deutschland Kunststudienfächer, die stark subventioniert werden, anscheinend um der Sache Willen.

Auch hier darf Kunst nur überleben, weil sie supportet wird. Wie ist also das Berufsbild des Künstlers zu erklären, wenn er nicht einmal dem Erhalt der Person dient? Ein Hobby? Eine Berufung für Leidenschaft, eine Selbstkasteiung?

Für den so genannten Künstler bleibt in dieser Gesellschaft nur die Rolle des Bürgerschrecks oder Pausenclowns übrig.

Trotz allem scheint es Menschen zu geben, die sich gerne Künstler nennen, dann meistens pädagogisch handelnd dem Täglich-Broterwerb agieren und sich durch die Bürokratie wälzend, Anträge verfassend und Protokolle schreibend der Offizialität huldigen.

Ich kann ein Lied als ehemaliger Vorstand des Wiesbadener BBK davon singen: Zwei Jahre lang durfte ich Protokolle schreiben, Anträge mitverfassen und bürokratische Willkür als Alltag ertragen, vom politisch gewollten, absichtlichen Nichtvorwärtskommen ganz zu schweigen.

Institutionalisierte moderne Kunst in Museen scheint keinerlei gesellschaftsrelevante Kraft (der Veränderung) mehr zu haben. Sie entspricht anscheinend nur noch der Meinung der sie umschließenden und beratenden Institution. Hingegen wird wilde und freie bildende Kunst oftmals verkriminalisiert und/oder ist ein krimineller Akt laut so genannter temporärer Rechtsprechung.

Warum aber Kunst, vor allem im so genannten öffentlichen Raum und in der Bildung eine imanente Rolle spielen sollte, zeigt dieser Kurzfilm eindrucksvoll: